Das Leben in die eigene Hand nehmen – Teil 11: Gelernte Lösungen – „funktionale Gebundenheit“

In dieser Artikelserie (hier finden Sie Teil 1 und hier Teil 12) geht es darum, im eigenen Leben „der Chef zu sein“ – d.h. zu entscheiden, wo es lang geht. Allzuoft entscheiden dies innere und äußere Zwänge und Muster, die nicht immer dem entsprechen, was ich wirklich möchte. Zahlreiche Gründe, warum mir ab und zu die Zügel aus der Hand genommen werden, haben wir schon besprochen.

Im vorletzten Artikel ging es um die Art und Weise, wie mein Gehirn aufgebaut ist. Der heutige Teil hat ebenfalls mit der Struktur des Gehirns zu tun, bzw. mit einem Nebeneffekt des Lernens.

Wenn wir lernen, verändert sich die Struktur unseres Gehirns. Neue neuronale Netze entstehen oder bestehende werden verändert oder verstärkt. Das kostet Zeit und Energie. Unser Körper – und auch unser Gehirn – versucht, Zeit und Energie zu sparen wenn es kann. Darum ist eine gute Daumenregel: Wenn es einmal funktioniert hat, wird es ziemlich wahrscheinlich wieder funktionieren. Das Gehirn wendet diese Regel gerne an. Wenn wir einmal eine Lösung für ein Problem gefunden haben, neigen wir dazu, den Lösungsweg beizubehalten (das geht schneller) und nicht nach einem neuen Lösungsweg zu suchen (das braucht Zeit und Energie).

Dieses Prinzip wird „funktionale Gebundenheit beim Problemlösen“ genannt und geht auf den Psychologen Karl Duncker zurück.

Gemeint ist damit folgendes: Wenn ich beim Lösen einer Aufgabe ein Objekt für eine bestimmte Funktion verwendet habe, dann ist diese Funktion gut verankert und es fällt mir schwer, das Objekt wieder von dieser Funktion zu lösen. In einem Experiment wurde Probanden zum Beispiel die Aufgabe gestellt, Kerzen an einer Wand zu montieren. Die Probanden hatten unter anderem eine Schachtel Streichhölzer als Hilfsmittel bekommen. Die Schachtel hätte sich für die Montage als Hilfsmittel geeignet. Weil die Schachtel aber bereits eine Funktion hatte – das Aufbewahren der Streichhölzer – mussten die Probanden erst diese Funktion auflösen, um die Schachtel als Hilfsmittel erkennen zu können. Die Aufgabe ist mit einer leeren Schachtel – oder einem völlig funktionslosen Stück Pappe – leichter zu lösen.

Ein anderes Beispiel ist das Lösen von mathematischen Aufgaben. Wenn ich zum Beispiel zehn Aufgaben löse, die alle einen ähnlichen Lösungsweg erfordern, lerne ich dabei: Aha – so geht das. Wenn ich dann eine neue Aufgabe bekomme, die mit einem anderen Lösungsweg leichter oder schneller zu lösen wäre, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ich das übersehe und den gelernten Lösungsweg benutze (zumindest wenn er bei der neuen Aufgabe auch funktioniert). Ich suche nicht nach einer neuen Lösung, weil ich bereits eine habe, die gut klappt. Probanden, die vorher keine oder andere Probleme lösen müssen, können die neue Aufgabe schneller lösen. Sie entdecken den einfachen Lösungsweg leichter.

Funktionaler Gebundenheit hat einen Gegenpol: Das sogenannte „divergente Denken“. Damit ist unsere Fähigkeit gemeint, offen, unsystematisch und experimentierfreudig mit einem Thema oder Problem umzugehen. Zum Beispiel können wir beim divergenten Denken einem Gegenstand (einer Büroklammer, einem Lineal) ganz unterschiedliche Funktionen zuordnen. Mit einer Büroklammer kann ich auch Wäsche aufhängen, angeln oder eine Nachricht auf einen Stein schreiben. Beim divergenten Denken befindet sich mein Gehirn in einem anderen Zustand als beim streng rational-logischen Denken (konvergentes Denken). Meinen logischen Modus verwende ich für mathematische Probleme oder für Probleme, deren Struktur ich schon kenne. Ein flexibler Wechsel zwischen beiden Modi ist für die meisten Probleme die vorteilhafteste Herangehensweise.

Unsere Fähigkeit zum divergenten Denken ist im Kindergartenalter noch sehr hoch. Mit Eintritt in die Schule nimmt die Fähigkeit zum divergenten Denken leider von Jahr zu Jahr ab.

Sie ahnen sicher schon, wie ich mir größere Flexibilität beim Problemlösen zurückeroberne kann: Genau. Bewusstheit. Zum einen kann ich – wenn ich weiß, dass es so etwas gibt – vom logischen Modus bewusst in den divergenten oder offenen Modus umschalten. Zum Beispiel wenn ich merke, dass ich feststecke oder wenn ich sichergehen möchte, dass ich eine bessere Lösung nicht übersehe. Durch ein paar Minuten bewusstes Atmen – oder wenn ich geübt bin, einfach durch ein paar bewusste Atemzüge – kann ich mein Gehirn aus dem logischen Modus in den offenen Modus versetzen. Beim Anwenden von Achtsamkeit übe ich nämlich automatisch das Herstellen des offenen Modus. Achtsam sein bedeutet, auf ein Objekt (z.B. den Atem) fokussiert zu sein, aber alles andere auch wahrzunehmen (ohne dass ich mich weiter damit auseinandersetze). Es ist eine andere Art von Fokus als das logische, lineare Denken.

Als Alltagsweisheit wenden viele von uns dieses Prinzip schon an: Wir wissen – oder bekommen gesagt: Wenn Du bei einem Problem feststeckst, dann mach eine Pause. Wir machen die Erfahrung, dass es nach der Pause leichter geht. In einer Pause verlieren wir ein Stück der funktionalen Gebundenheit. Wir sind nicht mehr so stark auf das Problem fokussiert, unser Horizont wird wieder weiter und unser divergentes Denken schaltet sich ganz automatisch ein – beim Kaffee trinken, aus dem Fenster schauen, Fahrrad fahren, Essen kochen oder duschen.

Diese Erklärung hilft vielleicht auch das klassiche Dilemma zu beantworten: Gibt es jetzt immer eine richtige Lösung für etwas? Die Antwort ist: Ja – aus logischer Sicht gibt es eine und nur eine richtige Lösung für ein Problem. Oder gibt es immer viele richtige Lösungen? Die Antwort lautet: Ja – aus divergenter Sicht gibt es immer viele Lösungen für ein Problem). Beides ist richtig. Was natürlich nur aus divergenter Sicht Sinn macht – aus logischer ist es völlig unsinnig. Logisch, oder?

Tags:, ,

Trackback von deiner Website.