Das Leben in die eigene Hand nehmen – Teil 15: Überlebensmuster, Hormone und andere biologische Einflüsse (oder: Der Dinosaurier)

In dieser Artikelserie (hier finden Sie Teil 1 und hier zu Teil 14) geht es um die Handlungsfreiheit im eigenen Leben. Es gibt viele Ursachen dafür, dass ich nicht zu jeder Zeit „Chef“ in meinem Leben bin. In jedem Teil beschäftigen wir uns mit einer dieser Ursachen.

Im letzten Teil ging es um Stimmungen. In diesem Teil besprechen wir biologische Einflüsse.

Im Grunde sind diese Einflüsse, die gemeinsten, die es gibt. Es ist Teil unserer „Hardware“ und „vorinstallierten Software“. Als würden Sie einen neuen Computer bekommen und sich damit abfinden müssen, dass dieser nicht immer macht, was Sie wollen – sondern ab und zu schlicht das macht, was er selbst für richtig hält. Schon Kinder haben diese Einflüsse. Unser Gehirn und Nervensystem ist nicht vom Himmel gefallen, sondern hat sich im Lauf der Zeit entwickelt. Dabei ist sehr viel Nützliches entstanden. Aber auch einiges, das am Anfang nützlich war und sich inzwischen überholt hat.

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Kampf-Flucht-Reflex. Es handelt sich um ein Reaktionsmuster, das ursprünglich dazu gedacht war, mir das Überleben in einer gefährlichen Umgebung zu sichern. Es gab Zeiten, da war ich als Mensch von vielen Gefahren bedroht – viele Tiere in meiner Umgebung hatten mich zum Fressen gern. Meine intellektuellen Fähigkeiten unterschieden mich zwar ev. schon damals von den meisten Tieren. Aber die höheren kognitiven Funktionen haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind langsam. Bei der Konfrontation mit einem Raubtier kann eine hohe Intelligenz von Vorteil sein. In den meisten Situationen hilft allerdings nur: Schnell handeln. Entweder ganz schnell weglaufen oder angreifen und das sofort und mit aller Kraft, die ich habe. Mein Nervensystem hat dafür den Kampf-Flucht-Reflex entwickelt. Das Verhaltensmuster wird in Gefahrensituationen aktiviert und erfordert keine höheren Gehirnfunktionen. Mein Nervensystem registriert einen Reiz, den es als gefährlich einstuft und reagiert – mit dem Hirnstamm, einem Teil meines Gehirns, der schon früh entstanden ist – blitzschnell mit einem Muster. Das Muster wird nicht variiert, es läuft als Automatismus ab. Hormone werden ausgeschüttet, meine Muskeln mit Blut versorgt und Energie zur Verfügung gestellt, damit ich eine große Kraftanstrengung vollbringen kann (kämpfen oder flüchten). Nachdenken, analysieren, Zugang zu Kreativität sind eingeschränkt – all das ist viel zu langsam, um jetzt wirklich helfen zu können. Ich reagiere wie ein Dinosaurier – mit Gebrüll, Gewalt oder gedankenloser Flucht. Bei einer Konfrontation mit einem Säbelzahntiger vollkommen angemessen.

Nur leider haben wir den Reflex noch immer – und er wird in Situationen aktiviert, die nicht mehr wirklich gefährlich sind. Eine verpasste U-Bahn kann das in bestimmten Situationen sein (wenn ich zu einem wichtigen Termin muss – oder einfach nur dann, wenn mein Stress-Level an sich schon sehr hoch ist), eine nicht eingeräumte Spülmaschine, ein unkooperativer Kollege oder ein ebensolches Kind. Ich verwandele mich in einen brüllenden Dinosaurier, oft ohne es zu wollen und wundere mich über die Heftigkeit der emotionalen Reaktion. Und noch mehr wundere ich mich darüber, dass sich die – oft wenig konstruktiven – Handlungen stoppen lassen. Ab einem gewissen Zeitpunkt laufe ich wie auf Schienen. Wenn ich verstehe, dass der Kampf-Flucht-Reflex genau das tut – meine höheren Gehirnfunktionen abschalten und ein vorprogrammiertes Muster mit großem Krafteinsatz ablaufen zu lassen – dann kann ich nachvollziehen, warum es so schwer zu stoppen ist. Mein Körper arbeitet gegen mich. Er denkt, er muss den „Chef“ (mein bewusstes, rationales Handeln) kurzfristig außer Gefecht setzen, weil dieser nicht kompetent (d.h. nicht schnell genug) ist, um uns zu schützen.

Seit es in unserer Umgebung kaum noch Löwen und Tiger gibt, dafür aber einer Vielzahl alltäglicher Unannehmlichkeiten, die sich zu einer gefühlten Krise hochschaukeln können, die ebendiesen Dinosaurier in uns wecken, bringt uns der Reflex eher in Schwierigkeiten, statt uns zu schützen. Wieviel zerbrochenes Porzellan mussten Sie schon aufkehren? Wieviele – scheinbar irrationale – Reaktionen erklären, entschuldigen oder ausbaden?

Und der Kampf-Flucht-Reflex (der Dinosaurier) ist leider nicht der einzige biologische Einfluß, der uns gelegentlich die Zügel aus der Hand nimmt. Ein weiterer sehr einflußreicher ist die sogenannte Dopamin-Falle. Es handelt sich um einen Mechanismus, der uns beim Lernen unterstützt. Es ist ein sehr nützlicher Mechanismus, der allerdings in einer Zeit entstand, die nicht so reich an Gelegenheiten war, Gefühle des Wohlbehagens zu empfinden. Wieso das relevant ist? Der Mechanismus funktionert vereinfacht ausgedrückt so: Sie tun etwas und es passiert etwas. Wenn das, was Sie getan haben, einen angenehmen Effekt hatte, schüttet Ihr Gehirn Endorphine aus. Wenn Sie etwas tun, das einen angenehmen Effekt hat, dann ist es hilfreich für den Organismus, wenn er lernt, dies wieder zu tun. Ihr Gehirn schüttet Dopamin aus, um den Lerneffekt zu verstärken. Alles in allem eine sehr gute Idee. Ich tue etwas und wenn es angenehme Effekte für mich hat, dann verstärkt mein Gehirn das Empfinden und verstärkt außerdem die Erinnerung, d.h. die Wiederholwahrscheinlichkeit. Das funktioniert prima im Urwald oder der Savanne. Handlungen hatten noch nicht so rasch positive Effekte, vieles erforderte einiges an Einsatz, um einen positiven Effekt spüren zu können (erfolgreich auf Baum geklettert, erfolgreich eine Falle gebaut, leckere Beere gegessen). In unserer modernen Umgebung ist es relativ einfach, eine Handlung mit einem positiven Effekt auszuführen (E-Mail geöffnet – oh das war interessent – Schokolade aus Schrank genommen und gegessen – hmmmmmm – auf dem Sofa niedergelassen, spannenden Film geguckt und Chips gegessen – whoa, das sind gleich drei wundervolle Effekte auf einmal, das *müssen* wir uns merken und wiederholen). Sie ahnen, was passiert. Fatalerweise führt eine nochmalige Wiederholung des guten Effektes zu einer verstärkten Verstärkung durch das Dopamin (sinnvollerweise sollen Handlungen besonders gut gelernt werden, die regelmäßig/häufig zu einem positiven Effekt führen – Handlungen, die nur selten einen positiven Effekt nach sich ziehen, sind nicht so wichtig). Je öfter ich ins E-Mail Fach linse (es könnte ja etwas Interessantes…), zur Schokolade greife oder Entspannung mit Spannung und Genuss gekoppelt ist, desto stärker wird der Drang, es zu wiederholen. Falls Sie sich über einige Ihrer Gewohnheiten wundern, die partout nicht weggehen wollen, dann könnte es sich um Dinge aus der gute-Erfahrung-Endorphin-Dopamin Schleife handeln.

Das sind nur zwei Beispiele von vielen vielen automatisch ablaufenden biologischen Mechanismen, die alle ihren Sinn haben – aber mitunter das rationale Denken und Entscheiden unterlaufen. Der „Chef“ (Sie) wird kurz gefesselt und geknebelt und ein paar Unterlinge übernehmen – das Sicherheitsteam aus der Steinzeit, der Notfall-Sanitäter, der Ihr Leben bedroht sieht, der Krippen-Pädagoge, der nicht gemerkt hat, das Sie längst erwachsen sind und und und. Schonmal vor dem Fernseher eingeschlafen? Wenn Sie sich zurücklehnen, hört Ihr Rückenmark auf, „bitte wach bleiben – bitte wach bleiben“ Signale an das Gehirn zu senden – und Sie schlafen leichter ein. Ein Mini-Mechanismus – der mich allerdings überrumpeln kann, wenn er mir nicht bewusst ist und ich unüberlegterweise meine aufrechte Haltung aufgebe, obwohl ich ev. unbedingt wach bleiben möchte, aber bereits ein bisschen müde bin.

„Unbewusst“ ist natürlich wieder das Schlüsselwort. Es ist nicht wichtig, alle biologischen Mechanismen zu kennen, die Ihnen ins Handwerk pfuschen können. Aber es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass es solche Mechanismen gibt. Und zu merken, wenn es passiert. Wenn Sie Übung mit Achtsamkeit haben, dann können Sie spüren, wenn eins Ihrer „biologischen Teams“ dabei ist, Ihren „Chef“ zu entführen. Bis die übermotivierten Jungs und Mädels, die Sie schützen möchten oder Ihnen mit einer veralteten Methode etwas Gutes tun wollen, die Chef-Etage erreichen, haben Sie ein bisschen Zeit. Oft nicht viel – der Kampf-Flucht-Reflex z.B. wird sehr sehr schnell aktiviert. Aber Sie können sich durchaus beibringen, die Warnzeichen zu spüren – und dann sozusagen das Zimmer des Chefs abzusperren, so daß Ihre Ratio nicht ausgeschaltet werden kann.

Uh oh … da aktiviert gerade etwas massiv meine Gefühle (z.B. Wut oder Angst) – das droht, meinen Dinosaurier zu wecken. Tief ein- und ausatmen. Rückzug vom Trigger. Bewusstheit und Ratio einschalten. Möchte ich wirklich losbrüllen (mich fluchtartig verziehen)? Oder: Möchte ich dieses Stück Schokolade wirklich essen? Ist es ein Genuß? Ist jetzt wirkich eine gute Zeit, um meine E-Mail zu checken? Oder mache ich das nur, für ein kurzes Glücks-Gefühl? Vorsicht – ich bin am Einschlafen – ich will aber unbedingt das Ende des Films sehen. Aufstehen – strecken – bequem, aber gerade hinsetzen.

Ha! Ich habe Euch erwischt. Ihr werdet mir nicht die Freude nehmen. *Ich* bin der Boss.

Das Entdecken der biologischen Mechanismen, die mitunter ohne Ihr Einverständnis handeln (besser: reagieren – eine Handlung setzt eine bewusste Entscheidung voraus), erfordert Übung. Aber es ist höchst befriedigend, der Herr/die Herrin im eigenen Haus zu sein und wirklich überwiegend das zu tun, was ich wirklich tun möchte. Viel Spaß beim Zähmen der Urzeit-Tiere in Ihrem Kopf – zum Beispiel mit regelmäßigem bewussten Atmen, einer Achtsamkeitsübung.

Hier geht es weiter zu Teil 16 – Hunger und Müdigkeit.

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