Das Leben in die eigene Hand nehmen – Teil 6: Familiäre Prägungen

Das Leben in die eigene Hand nehmen ist ganz leicht – zumindest war es das einmal: Als wir noch ganz klein waren. Die meisten kleinen Kinder machen das ganz natürlich. Ungefähr wenn sie zwei Jahre alt sind und entdecken, dass sie Dinge in ihrem Leben selbst bewirken können. Sie entscheiden, sie bestimmen und gestalten – genau so, wie sie es haben möchten – und wehe dem, der sich ihnen in den Weg stellt.

Wir nennen dies – eigentlich nicht wirklich treffend die „Trotzphase“ oder im Englischen „Terrible Two“ (die schreckliche Zeit, wenn sie zwei Jahre alt sind). Passender wäre: Die „Ich-Bin“-Phase.

Ich kann! Ich will! Und zwar jetzt gleich (es gibt nur den Jetzt-Moment)!

Und hier gibt es den ersten großen Krach mit der Welt außerhalb von mir. Ich weiß genau, was ich will. Nur irgendwie sind da im Außen schrecklich viele Hindernisse, die sich mir in den Weg stellen. Schreien und auf den Boden werfen hilft manchmal, aber allzu oft mache ich die Erfahrung: Was ich möchte, zählt nicht – ich muss tun, was meine Eltern sagen.

Wenn die „Trotzphase“ gut läuft, habe ich hinterher ein starkes Selbstbewusstsein und die Erfahrung gemacht: Ich kann etwas bewirken, mein Wille zählt und ich kann selbst Entscheidungen treffen und Dinge so ändern, das sie mir gefallen. Da Eltern aber – um ihr Kind zu schützen, um ihm beizubringen, in der Gesellschaft zurecht zu kommen und rein aus Selbstverteidigung – ganz oft „nein“ sagen müssen und das oft auch sehr bestimmt, sammle ich viele Erfahrungen, wo ich mich unterordnen muss. Das Aufeinanderprallen von unserem erwachenden Willen (der oft unbändig stark ist) und den Beschränkungen im Außen kann sehr schmerzhaft sein. Inwieweit bin ich – jetzt als Kind und später als Erwachsener – bereit, mich über Regeln im Außen hinwegzusetzen und das zu tun, was ich tun möchte? Ich habe gelernt: Wenn ich etwas tue, was das Außen nicht möchte, hat das Konsequenzen. Das hat nicht (nur) mein Kopf gelernt, sondern vor allem meine Gefühle. Dieses Gelernte ist tief in uns verwurzelt – wie eingeprägt.

Familiäre Prägungen sind wichtig: Wenn wir als Erwachsene trotzen und beleidigt sind, wenn wir etwas nicht bekommen, wenn wir – phasenweise oder dauerhaft – in einer Gemeinschaft nicht konstruktiv mitmachen können – dann verhalten wir uns wie ein zweijähriges oder dreijähriges Kind (beobachten Sie einmal Wladimir, Kim, Baschar und Co – viele der Handlungen dieser Herren entsprechen eins zu eins einem Kindergartenkind), das noch kein Konzept hat, was „Gemeinschaft“ bedeutet. Die Kunst als Erwachsener ist: Familiäre Prägungen als solche zu erkennen und bewusst auswählen können, welche noch für mich sinnvoll sind und welche nicht.

Als Kind kann ich noch nicht bewusst wählen. Ich verstehe mit zwei Jahren noch nicht wirklich, was Mitgefühl und Rücksichtnahme ist, wie eine Gemeinschaft funktioniert, was gefährlich ist oder schlicht sinnlos. Ich lerne anfangs nicht über Einsicht, sondern nur über negative Konsequenzen. Da meine Bewusstheit erst im Wachsen ist, geht es nicht anders. Als Erwachsener besitze ich dann eine große Zahl von – überwiegend unbewusst gelernten – Mustern, die automatisch ablaufen. Sehr nützlich, um in der Gesellschaft zurecht zu kommen und auch ganz praktisch, wenn meine eigenen Werte großteils mit denen meiner Eltern übereinstimmen. Aber jeder von uns besitzt familiäre Prägungen, die er nicht mehr braucht. Den Teller leer essen – immer höflich sein und zuerst an den anderen denken – wenn ich viel Süßes esse, werde ich dick – erst die Arbeit, dann das Vergnügen – nicht so laut schreien – ordentlich malen, nicht nur rumkritzeln – ohne frische Luft wird man krank – andere ausreden lassen – nicht weinen („Du bist doch kein Mädchen“ – vor zwei Wochen tatsächlich im Schwimmkurs von einer Mama gehört) – nicht im Schlafanzug frühstücken – nicht im Pyjama auf die Straße gehen – dankbar sein – und ein ganz dickes Ding: Nicht auf die eigene innere Stimme hören, sondern auf den Experten im Außen.

Zugegeben – einige dieser Dinge sind in manchen Situationen sinnvoll. Aber auch die sinnvollen Prägungen: Wäre es nicht schön, sie an- und abschalten zu können? Mich im Pyjama wohlfühlen können, egal wo ich bin? Niemand von uns kann das, behaupte ich mal. Die Regel: Nach draußen nur anständig angezogen sitzt zu tief. Der größte Teil der alltäglichen Kleinigkeit – wann und wie Sie am Morgen aufstehen, was Sie an einem Tag als erstes tun, wann und wie Sie sich die Zähne putzen, ob Sie bei offenen Fenster schlafen oder nicht, was Sie anziehen, was und wie Sie frühstücken, ob Sie dabei fernsehen oder lesen oder sich mit jemandem unterhalten und so weiter und so fort: Das sind überwiegend familiäre Prägungen.

Versuchen Sie einmal, einen Monat lang jeden Tag eine Kleinigkeit anders zu tun. Eine Kleinigkeit bei der Kleidung ändern. Einen anderen Weg nehmen. Das Frühstück leicht verändern. Etwas in einer anderen Reihenfolge tun. Fällt Ihnen etwas auf? Geht das leicht oder schwer? Fallen Ihnen nach zwei Wochen noch Dinge ein, die Sie ändern könnten? Oder gibt es bei manchen Dingen große Widerstände – auch wenn es sich eigentlich um Kleinigkeiten handelt? Können Sie Muster erkennen? Stammt das vielleicht aus Ihrer Familie? Können Sie vielleicht sogar noch die Stimme Ihrer Mutter oder Ihres Vaters von damals hören?

Wenn Sie ein Muster entdecken, fragen Sie sich: Ist das meins? Oder gehört das meinen Eltern? Möchte ich das so?! Bei familiären Prägungen ist es nicht immer (gleich) möglich, sie loszulassen, sie sitzen zu tief. „Süßes macht dick“ und „erst die Arbeit und dann das Vergnügen“ fängt bei mir gerade erst seit ein paar Wochen an zu bröckeln. Aber wenn Sie etwas entdecken, das Sie automatisch tun und wo Sie in Ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt sind, dann nehmen Sie das bewusst wahr: Aha – interessant – so empfinde ich das gerade.

Ich habe vor kurzem bemerkt, dass ich bei geschlossenem Fenster schlecht schlafe – nicht weil mir die frische Luft fehlt – sondern weil es für meinen Vater so wichtig war, dass das Fenster offen ist. Frische Luft ist ja ganz nett – aber sooooo wichtig ist sie auch nicht. Der Großteil meines offenen-Fenster-Wunsches war nicht mein jetziges Bedürfnis – sondern reine Prägung. Ich muss jetzt nicht mehr ständig lüften – sondern nur noch dann, wenn mir danach ist. Sehr viel einfacher. Aber es hat 44 Jahre gedauert. Als Kind habe ich regelmäßig einen Aufstand gemacht, wenn ich bei einer Freundin übernachten durfte – und die das Fenster zu haben wollte. Ich war bereit, in einen Heiligen Krieg für das offene Fenster zu ziehen. Fragen Sie einmal meinen Mann zu dem Thema – eieieiei – Silke im Wladimir Modus. 😉

Wenn Sie so etwas bei sich entdecken (den „Heiligen Krieg“ Modus oder Gefühle), dann sind Sie ziemlich wahrscheinlich einer familiären Prägung auf die Schliche gekommen. Viel Freude beim Entdecken der Muster – und nicht Erschrecken – es ist ein Prozeß.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie. Hier finden Sie Teil 1 und hier Teil 5 (kulturelle Prägungen). Und Teil 7 – Werbung – befindet sich hier.

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