Das Leben in die eigene Hand nehmen – Teil 7: Werbung und andere Manipulationen

In dieser Artikelserie (hier finden Sie Teil 1 und hier Teil 6) beleuchten wir die Frage, inwieweit ich der Chef in meinem Leben bin, bzw. warum ich mich regelmäßig von meinem Chefposten vertreiben lasse. In Teil 6 ging es um Familiäre Prägungen. Heute geht es um die allseits beliebte Werbung und andere Arten der Manipulation.

Eigentlich sollten wir Meister im Widerstehen von Werbebotschaften sein. Wir werden so umfangreich – und zum Teil so offensichtlich und so dilettantisch – mit ihnen bombardiert, dass wir jede Menge Gelegenheit haben, das Widerstehen zu üben. Leider sehen wir uns dabei mit einem Hindernis konfrontiert: Unser Gehirn verfügt über einige (an anderer Stelle sehr nützliche) Eigenarten und Mechanismen, die es sehr leicht manipulierbar machen. Wenn man weiß, wie es geht, ist es geradezu lächerlich einfach, jemanden dazu zu bekommen, dass er genau das tut, was ich möchte.

Wir alle haben eine lange Liste unerfüllter Wünsche und Bedürfnisse, dazu noch eine Kiste voll Ängste und Sorgen. Diese Liste und die Kiste machen wir im Alltag meistens unsichtbar, weil es unangenehm ist, die ganze Zeit daran zu denken. Dazu kommen noch einige natürliche Veranlagungen, wie der Kampf-Flucht-Reflex, ein Belohnungssystem, das uns beim Lernen hilft und einen Sexualtrieb, der verhindern möchte, dass unsere Art ausstirbt.

Will ich etwas verkaufen oder etwas erreichen, muss ich nur die Liste, die Kiste oder einen der biologischen Trigger aktivieren und mein Opfer macht, was ich will. Ich muss das noch nicht einmal geschickt tun. Werbebotschaften sprechen direkt unsere alten Gehirnstrukturen an – sie unterlaufen unsere Kritikfähigkeit, unseren Intellekt und unsere Bewusstheit. Wenn ich mir die Werbebotschaft bewusst ansehe, komme ich mir daher vor, als wolle mich jemand für dumm verkaufen. Genau das ist auch der Fall – die Werbung spricht nicht mich als Person an, nicht mein Selbst. Die Werbebotschaft spricht genau genommen direkt mit einem alten Teil meines Gehirns – nennen wir es vereinfachend den inneren Dinosaurier.

Dieser innere Dinosaurier ist leider

  •    sehr dumm
  •    leicht zu verführen
  •    reagiert schneller als mein rationaler Verstand und meine Bewusstheit
  •    sehr eigensinnig
  •    leicht in Angst zu versetzen
  •    wird schnell aggressiv
  •    im Glauben, dass immer mehr von „lecker“ oder „tolles Gefühl“ zur Erfüllung führt
  •    in Gedanken immer nur an das eine und
  •    nur schwer davon abzubringen etwas zu tun, wenn er einmal in Fahrt ist.

Ich spare mir, alle möglichen Arten der Manipulation aufzuzählen, denn im Kern geht es darum, dass Sie erkennen, worum es bei jeder Manipulation geht: Jemand versucht, Ihren Dinosaurier zu aktivieren und unterläuft Ihr bewusstes Selbst. Er zielt auf eine Ihrer Schwächen und das mit großer Präzision.

Wir können uns selber beibringen zu merken, wenn unser Dinosaurier wach wird. Dann haben wir eine Chance, die Manipulation oder die Werbebotschaft zu kontern. Wenn mein Selbst schläft, bin ich leichte Beute.

Im Grunde, ist es wirklich einfach. Wenn ich:

  •    Angst habe
  •    Mir Sorgen mache
  •    Ich ein schlechtes Gewissen habe
  •    Denke „ich sollte“ oder „ich müsste“
  •    Ein starkes Verlangen habe, das nicht mit meinen wirklichen Bedürfnissen übereinstimmt

Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich gerade manipuliert wurde. Nicht immer aus dem Außen. Viele meiner Gedanken sind Wiederholungen von früheren Manipulationen. Sobald ich einen der obigen Punkte bemerke, ist ein guter Zeitpunkt, um tief durchzuatmen. Ich mache mir bewusst: Ängste, Sorgen und ein schlechtes Gewissen sind keine gute Entscheidungsgrundlage. Ängste und Sorgen sind meistens, ein schlechtes Gewissen ist *immer* die Folge eines aktuellen oder früheren Manipulationsversuchs.

Also warte ich lieber, bis ich mich wieder gut fühle – ganz bei mir, gelassen und ruhig – bevor ich diese Entscheidung treffe (z.B. nach meiner nächsten Atemsession). Oder ich atme weiter, bis die negativen Emotionen nicht mehr so stark im Vordergrund stehen.

Wenn ich über „ich sollte“ und „ich müsste“ nachdenke oder etwas haben will (essen möchte, kaufen möchte oder ich ein sehr ansprechendes Bild einer leicht bekleideten jungen Dame, die mir adrett das neue Autmodell präsentiert, schon länger betrachte), dann ist ebenfalls ein guter Zeitpunkt, um tief durchzuatmen und mich zu fragen: Was möchte ich eigentlich? Was möchte ich wirklich?

Wenn ich z.B. sehnsüchtig die Urlaubs-Werbeanzeigen im ADAC-Journal studiere, weiß ich: Du brauchst eine Pause oder ganz generell eine bessere Pausen-Regelung. Eventuell habe ich auch meine Prioritäten beim Arbeiten falsch gesetzt und mache nicht wirklich das, was ich tun möchte.

Wenn ich Berge von Kartoffelchips, Brot oder Nudeln begehre, dann bin ich nervös und bräuchte eine längere Atemsession.

Wenn ich mich bei Amazon verlaufe und meine Zeit mit dem Studieren von Spielzeugangebote vertrödele, kann ich mir fast sicher sein, dass ich meinem Sohn gegenüber gerade ein schlechtes Gewissen habe.

Dies sind individuelle Beispiele. Ihre Antworten sehen unter Umständen anders aus.

Wenn ich wie heute morgen 20 Minuten brauche, um ein Müsli für den Kindergarten-Gesundheitstag auszuwählen, dann weiß ich, dass sich gerade gespeichterte Werbebotschaften zum Thema „gesund“ mit „Ich-will-dass-mich-die-anderen-Eltern-und-die-Kindergärtnerinnen-ok-finden“ streiten mit meinem Selbst „Schokolade ist gesund“ und meinem Aspekt, dass ich Überzeugungen meines Selbst noch nicht immer selbstbewusst im Außen vertreten kann. Ich habe nicht das Schoko-Müsli gekauft, sondern einer Werbebotschaft nachgegeben – „Amaranth ist gesund!“ – zum Ausgleich für mein schlechtes Gewissen, dass ich mein wahres Selbst verraten habe, gab’s das Mogli-Müsli = wenigstens eine lustige Verpackung.

Versuchen Sie, bewusst wahrzunehmen, wo Ihre Trigger sind. Wann bekomme ich leicht Angst? Worüber mache ich mir oft Sorgen? Wonach sehne mich mich und noch wichtiger: Was ist der wirkliche Grund für das Sehnen? Der Urlaub? Oder liegt da der Wunsch nach Freiheit drunter? Genieße ich mein Sex-Leben? Wenn nicht, dann triggern mich alle entsprechenden Werbebotschaften (und das sind vermutlich 50% oder mehr). Ist es mir wichtig, was andere von mir denken? Wann schäme ich mich?

Werbung funktioniert wie der mittelalterliche Ablaß-Handel. Für ein paar Groschen kann ich mir Ruhe verschaffen vor den inneren Dämonen (dem inneren Dinosaurier). Leider geht das ganze beim nächsten Supermarktbesuch, Stadtbummel oder Surfen im Internet von vorne los. Der einzige Weg hinaus ist das Erkennen des Dinosauriers. Aber bitte streiten Sie nicht mit ihm. Er ist sehr stark, kann sehr böse werden und er hat auch seinen Zweck. Versuchen Sie, ihn zu erkennen und ihn freundlich und bestimmt in die Schranken zu weisen. Wenn er nicht zu stoppen ist, kritisieren Sie sich nicht. Selbst-Kritik schwächt Sie! Und Sie brauchen viel Kraft, viel Geduld und liebevolle Aufmerksamkeit für sich selbst, um ein gutes Verhältnis zum inneren Dinosaurier zu entwickeln. Wenn Sie Ihren Dinosaurier erkennen, greifen Sie beherzt zum Schoko-Müsli (im übertragenen Sinne – zu dem, was Sie *wirklich* wollen). Und wenn das nicht klappt, dann seien Sie sich zumindest bewusst, warum jetzt das Amaranth-Müsli in Ihrem Einkaufskorb liegt. Das bewusste Erkennen ist der Anfang vom Ende Ihrer Manipulierbarkeit.

Hier geht es weiter zu Teil 8 – Versprechen und Schwüre.

Tags:,

Trackback von deiner Website.