Das Leben in die eigene Hand nehmen – Teil 9: Meine „Natur“ oder die Art, wie mein Gehirn gestrickt ist

In dieser Artikelserie (hier finden Sie Teil 1und hier Teil 8) beschreibe ich die Ursachen, die es uns schwer machen, im eigenen Leben der Chef zu sein. Das heißt, genau das zu tun und zu lassen, was ich selbst möchte und unbewusste Einflüsse von Außen oder von Innen bewusst wahrzunehmen.

Die Art, wie unser Gehirn aufgebaut ist, macht es leider nicht einfacher, jeden Tag bewusst nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Zwei Eigenschaften unserer grauen Zellen stehen uns dabei besonders im Weg:

  1. Ganz normale Lernvorgänge im Gehirn und
  2. Reiz-Reaktionsmuster aus älteren Teilen des Gehirns

1. Die ganz normale Art, wie Lernvorgänge in unserem Gehirn ablaufen, machen es im Alltag schwer, jederzeit bewusst Entscheidungen für mich zu treffen. Das liegt ganz einfach daran, dass unser Gehirn effizient vorgeht und am liebsten immer den leichtesten Weg geht. Lernen geschieht auf eine sehr einfache Art: Ich tue etwas und spüre einen Effekt. Dies führt zu einer Veränderung in meinem Gehirn.

Um zu verstehen, wie das vor sich geht, gibt es jetzt eine 5-Minuten Einführung in die Neurobiologie. Unsere Nervenzellen sehen aus wie kleine Bäumchen. Sie haben einen Kern (das wäre das Innere der Baumkrone), viele Verbindungen, die ankommende Signale annehmen (Dendriten – das wären die Äste der Baumkrone) und eine Leitung, um Signale weiterzuschicken (das Axon – der Baumstamm). Dendriten und Axone leiten Signale elektrisch weiter. Ein Axon endet in einer sogenannten Synapse (das ist ein kleiner Spalt). An dieser Stelle werden die elekritschen Signale in biochemische Signale umgewandelt. Auf der anderen Seite der Synapse werden Dendriten von anderen Nervenzellen aktiviert oder deaktiviert. Wie ein riesiger Computer macht unser Gehirn im Grunde nichts anderes als ununterbrochen Signale hin- und herzuschicken.

Wenn ich etwas tue (und dabei einen Effekt spüre), dann führt das zu einer Änderung in meinem Gehirn. Meine Nervenzellen ändern ihr Kommunikationsverhalten. Wie ein neuer Kontakt in meinem Telefonbuch oder eine neue Facebook-Gruppe. Eine neue Nervenverbindung entsteht oder eine bestehende wird verstärkt. Verstärkt heißt: Die Verbindung wird bevorzugt benutzt. Wenn ich das gleiche immer wieder tue, stärke ich dabei eine Verbindung im meinem Gehirn. Das ist exakt so, wie die Entstehung eines Trampelpfades, den viele Leute benutzen. Geht nur ab und zu mal jemand über den Rasen, wird das Gras nur ein bißchen niedergedrückt. Benutzt den gleichen Pfade jeden Tag mehrmals eine Elefantenherde – genau – dann habe ich nicht nur einen Pfad, sondern praktisch eine Straße.

Und weil alles in meinem Körper auf Effizienz getrimmt ist, benutzt mein Gehirn natürlich die breiten Trampelpfade lieber als die schmalen. Etwas Neues zu lernen dauert länger als eine etablierte Gewohnheit zu benutzen – weil das Gehirn einen neuen Trampelpfad anlegen muss. Und das kostet Zeit und Energie. Ganz unbewusst tendieren wir entsprechend dazu das zu tun, was wir schon ganz oft getan haben. Selbst wenn es inzwischen unerwünschte Effekte hatte. Warum? Am Anfang hatte die Handlung vermutlich überwiegend positive Effekte (sonst hätte sie sich gar nicht als Gewohnheit etabliert). Positive Effekte verstärken einen Lerneffekt. Wiederhole ich eine Handlung immer wieder (ohne positiven Effekt) führt das auch zur Etablierung neuer Nervenverbindungen. Positive Effekte nach einer Handlung führen zu schnellerem Lernen. Macht ja irgendwie Sinn.

Der Nachteil: Einmal Gelerntes bleibt sehr hartnäckig in unserem grauen Zellen erhalten. Haben wir zum Beispiel für ein mathematisches Problem eine Lösung gefunden, bleiben wir erstmal dabei. Selbst wenn sich die Umstände etwas ändern und unsere Lösung jetzt schlechter ist, als eine neue Lösung. Wir suchen gar nicht nach der neuen Lösung. Das lässt sich auf andere Bereiche übertragen. Wenn etwas in der Vergangenheit funktioniert hat, tendiere ich unbewusst dazu, das Alte zu wiederholen. Etablierte Nervenverbindungen sind sehr schnell. Bewusstes Wahrnehmen, Nachdenken und Planen ist oft langsamer als so eine etablierte Gewohnheit.

Wenn ich nicht bewusst ab und zu „die Bremse ziehe“, dann lande ich automatisch immer wieder beim Alten, Gelernten. Ganz einfach, weil dies für mein Gehirn in vielen Fällen die effizienteste Lösung ist. Sie ahnen sicher schon, wie so eine Bremse aussehen könnte: Genau – ein bewusster Atemzug reicht oft schon, um eine alte, hoch gelernte Gewohnheit zu stoppen und mich bewusst hinsehen zu lassen: Dient mir diese alte Gewohnheit? Oder ist hier etwas Neues gefragt?

2. Gelernte Gewohnheiten aus diesem Leben machen uns das Leben schon schwer genug (ja ja – sie sind natürlich auch sehr nützlich – den Großteil des Alltags möcht ich um Himmels Willen nicht bewusst erledigen müssen – da sind hochgelernte Gewohnheiten natürlich sehr praktisch). Gemeinerweise tragen wir jedoch in älteren Teilen unseres Gehirns auch noch Reiz-Reaktions-Muster mit uns herum, die früher unser Überleben gesichert haben – und jetzt in vielen Fällen eher hinderlich sind.

Diese Reiz-Reaktions-Muster sind in unserem Stammhirn gespeichert. Sie sind sehr sehr schnell und müssen das auch sein, weil es früher darum ging, Gefahren zu erkennen und schnell zu handeln. Langes Nachdenken hätte in den meisten Fällen zu ungesunden Folgen geführt. Ein Beispiel ist die Kampf-Flucht-Reaktion. Nimmt mein Wahrnehmungssystem eine potentiell gefährliche Situation wahr, spingt automatisch der Kampf-Flucht-Reflex an. Mein Körper bereitet sich darauf vor anzugreifen oder zu fliehen. Der analytische Teil meines Gehirns wird übergangen – er wäre zu langsam, um schnell reagieren zu können. Der Kampf-Flucht-Reflex ist wunderbar, wenn man schnell weglaufen muss, weil die Situation tatsächlich gefährlich ist. Allerdings haben wir solche Situationen inzwischen nur noch sehr selten. Leider springt der Kampf-Flucht-Reflex auch in Streß-Situationen an. Ich werde emotional verletzt, ich werde erschreckt, ich muss zu einem Termin und vor mir rangiert jemand umständlich in die Parklücke – ich komme erschöpft von der Arbeit nach Hause und mein Partner sagt etwas Falsches und BUMM – mein Körper reagiert. Neben dem Kampf-Flucht Reflex tragen wir weitere evolutionsbiologisch alte Reaktionstendenzen in uns. Alle haben gemeinsam, dass sie unser – relativ neues – analytisches Denken und unsere Bewusstheit umgehen und unseren Körper animieren, etwas zu tun, was wir vielleicht gar nicht wollen.

Punkt 1 ist sozusagen Software in unserem Gehirn, die sich zum Teil überholt hat und Punkt 2 ist Hardware, die veraltet ist. Unser Gehirn ist wie eine Maschine. Sie dient mir und macht mir das Leben leichter. Wenn ich aber ihre Tücken nicht kenne und diese Tücken bewusst umgehe, dann gerate ich immer wieder in unangenehme Situationen.

Der Königsweg, um Soft- und Hardware Probleme zu umgehen, ist das Trainieren von Achtsamkeit. Ich stärke damit den Einfluß der Teile meines Gehirns, die Analyse, Planen, bewusste Entscheidungen und die Ratio umfassen. Das heißt nicht, dass der überwiegend unbewusste Teil – Kreativität, Perzeption, Intuition etc. schlecht sind. Aber besonders gut sind diese unbewussten Teile, wenn sie zielgerichtet eingesetzt werden. Und das geht nur, wenn ich meinen biologischen Automatismen eine Bremse verordne.

Und mit jeder bewussten Handlung, mit jedem bewussten Wahrnehmen entstehen neue Trampelpfade in meinem Gehirn. Bewusste Trampelpfade! Daher wird es mit der Zeit immer leichter, achtsam zu sein. Und der Einfluß alter Gewohnheiten sinkt.

Ein sehr interessantes Buch zum Thema: Sharon Begley – Neue Gedanken, neues Gehirn.

Hier geht es weiter zu Teil 10 – Süchte und Sehn-Süchte.

Tags:,

Trackback von deiner Website.