Zusammenfassung Vortrag „Das Leben in die eigene Hand nehmen“ – Teil 4

Dies ist der vierte Teil einer Zusammenfassung des Vortrags am Gasteig: „Das Leben in die eigene Hand nehmen – Martin E. Seligman und das Konzept der erlernten Hilflosigkeit“. Im letzten Teil ging es um Drama und Schuld und Scham. (Hier finden Sie Teil 1). Hier nehmen wir uns das Thema „Verantwortung ablehnen“ vor. Und ich warne gleich am Anfang: Möchten Sie wirklich weiterlesen? Hier geht es nämlich definitiv aus der Komfort-Zone hinaus in den Bereich: Keine Ausreden mehr. Wenn Ihnen bewusst wird, worum es bei diesem Mechanismus geht, dann gibt es kein Verstecken mehr. Das ist ein bisschen unangenehm. Es ist aber auch einer der goldenen Schlüssel zu Freude und endlich dort ankommen, wo die innere Sehnsucht hinführt.

„Verantwortung ablehnen“ ist auch eine Ersatzbefriedung, wie in den vorherigen Teilen besprochen. Eine Ersatzbefriedigung ist etwas, das ich tue, das mir nur scheinbar einen kurzen Trost oder einen Energie-Schub gibt, mich aber in der Summe mehr kostet, als es mir nützt. Dinge, die ich tue, um von einem tiefer liegenden Schmerz abzulenken. Als erstes Beispiel haben wir Machtspiele besprochen. Dann Drama und Schuld und Scham.

Auch „Verantwortung ablehnen“ gehört in diese Kategorie. Es ist wichtig, dass Sie sich bewusst machen, dass all diese Ersatzbefriedigungen Ihnen dienen: Es ist wie ein Medikament, um den Schmerz zu betäuben. Sie haben sich diese Gewohnheit zugelegt, um sich zu helfen – meistens schon als Kind. Sie hatten zum Zeitpunkt, als Sie es das erste Mal ausprobiert haben, keine bessere Möglichkeit, um sich zu helfen. Es ist von großer Bedeutung für das Auflösen von Mustern, die mir nicht mehr dienen, mir klar zu machen: Sie haben einen Grund dafür, dass sie da sind. Sie helfen mir.

Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, sie loszulassen, dann machen Sie es im Bewusstsein: Das war bisher einer meiner Überlebensmechanismen. Ich werte mich nicht dafür ab, sondern treffe lediglich bewusst die Wahl: Diese Gewohnheit unterstützt mich nicht mehr wirklich. Ich beginne etwas Neues. Dieses achtsame und liebevolle Wechseln ist der einzige Weg, um Altes aufzulösen. Solange Sie sich verurteilen, so lange wird die alte Gewohnheit nicht gehen wollen. Es beginnt ein Kampf – und den gewinnt weder die alte Gewohheit, noch der neue Weg. Sie werden so lange zwischen den Stühlen sitzen, bis Sie sich selbst – und alle Ihre alten, scheinbar „schlechten“ Angewohnheiten – mit dem Respekt behandeln können, den Sie brauchen.

Was hat es mit „Verantwortung ablehnen“ auf sich und warum ist das eine Ersatzbefriedigung? Wenn mir etwas Unangenehmes oder gar Schlimmes passiert und ich dann auch noch feststelle, dass ich nichts tun kann, um es abzuwehren oder es besser zu machen (Hilflosigkeitserfahrung), dann wende ich die Überlebenstaktik an, mich klein zu machen. Ich lasse alles über mich ergehen und leiste keinen Widerstand mehr – das ist ein bisschen besser auszuhalten, als sich zu wehren und zu merken, dass ich nichts tun kann. Die Erfahrung der Hilflosigkeit ist so schlimm, dass ich lieber zu kämpfen aufhöre und passiv werde. Bei kleinen Kindern können wir eine ganz typische Reaktion beobachten: Mama: „Nein, Du darfst jetzt keine Schokolade haben, es gibt gleich Essen.“ – Kind: „Ich wollte eh keine Schokolade.“. Das Kind weiß, es hat keine Chance gegen die Mama. Es ist einfacher, so zu tun, als hätte es selbst die Entscheidung getroffen, gar keine Schokolade zu wollen, als die Schmach auszuhalten, es verboten zu bekommen.

Sich gegen eine Übermacht zu stemmen, ist außerordentlich unangenehm. Aufgeben und sich anpassen erzeugt die Illusion: Alles ist in Ordnung. Und wir brauchen diese Illusion, um nicht beständig den Schmerz zu spüren: Da ist etwas sehr sehr Unangenehmes, das ich nicht haben will und gegen das ich nichts ausrichten kann. Es entsteht das Opfermuster – „ich kann nichts tun“ – und ich probiere auch gar nicht mehr, etwas zu ändern. Dazu gehört das Muster, die Verantwortung abzugeben.

Wieviele Dinge in Ihrem Leben gibt es, die Sie gar nicht versuchen, weil ein mögliches Scheitern zu bedrohlich ist?

  • „Ich kann nicht“
  • „Entscheide Du das“
  • „Hierfür gibt es keine Lösung“
  • „Du bist Schuld“

Jedesmal, wenn ich einen dieser Sätze denke oder ausspreche, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ich im „Verantwortung ablehnen“ Muster stecke und mich um einen zugrundeliegenden Schmerz drücke. „Ich kann das nicht“ trifft ab und zu tätsächlich zu. Aber Sie können den Unterschied spüren zwischen: „Oh weh – das kann ich nicht so gut – da hole ich mir wohl besser Hilfe.“ und „Ich kann das nicht. Das funktioniert nicht. Mann bin ich blöd.“ Fast alle von uns können sehr viel mehr, als wir uns zutrauen. Wenn Sie das nächste Mal auf etwas stoßen, bei dem Sie sich sagen: „Ich kann das nicht“, dann schauen Sie genauer hin. Spüren Sie ein heftiges Gefühl? Ev. Angst, einen starken Widerwillen, eine Leere im Kopf, Verwirrung, Wut, Frustration oder ähnliches? Und wenn Sie ein paarmal tief durchatmen und ganz ehrlich mit sich sind: Können Sie nicht – oder wollen Sie nicht? Weil das Scheitern oder das Ausprobieren mit einem dicken unangenehmen Gefühl besetzt ist?

Viele von uns blockieren beim Rechnen, beim Sprechen vor Publikum, bei technischen Geräten, bei handwerklichen Aufgaben, beim Kontaktaufnehmen mit anderen Menschen oder bei sportlichen Herausforderungen, weil wir als Kind oder Jugendlicher ausgelacht oder gedemütigt wurden. Spüren Sie nach, was in Ihnen vor sich geht, wenn Sie das Gefühl haben: „Das kann ich nicht“. Ich wette, in 80% der Fälle würden Sie einen akzeptablen Job hinlegen – wenn Sie sich überwinden könnten, diese furchtbare Gefühl des möglichen Scheiterns (Hilflosigkeitserfahrung) zu konfrontieren. Es ist nicht wichtig, gleich in allen Fällen zu handeln. Viel wichtiger ist erstmal das Wahrnehmen: Aha – hier bin ich blockiert – und ich kann ahnen, was da für ein Gefühl darunter liegt. Wenn Sie das konsequent tun, dann kommen Sie Schritt für Schritt zu: „Ich kann nicht“ – „Whoa – Moment – das ist nur eine Blockade“ – „Möchte ich es vielleicht probieren?“. Und schließlich einem neuen Handeln. Und das Schöne daran ist: Es ist nicht wichtig, ob ich einen guten Job hinlege oder nicht. Wichtig ist nur, dass ich die Freiheit habe zu handeln – wenn ich handeln möchte.

Wenn wir dem anderen die Entscheidung zuschieben, kann das Bequemlichkeit sein oder die tatsächliche Einsicht, dass die Wahl beim anderen besser aufgehoben ist. In vielen Fällen jedoch spielen wir „Beifahrer“ und überlassen dem anderen die Führungsrolle aus dem „Verantwortung ablehnen“ Muster heraus. Als Beifahrer kann ich nichts falsch machen. Wenn ich jemand anderem hinterherdackele, dann ist der andere Schuld. Ich mache alles richtig. Das ist eine große innere Erleichterung. Beobachten Sie sich: Wann geben Sie die Führungsrolle an jemand anderen ab? Ist das angemessen, d.h. dient Ihnen das in diesem Fall? Oder drücken Sie sich um die Entscheidung, um ein unangenehmes Gefühl nicht aushalten zu müssen?

Wenn Sie sich selbst ab und zu beim Hinterherdackeln ertappt haben, dann können Sie ev. mit größerem Verständnis nachvollziehen, warum es für manche Menschen Sinn macht, sich einer extremen Bewegung anzuschließen. Wäre es nicht schön, in diesem ganzen verwirrenden Alltag mit all den Herausforderungen und offenen Fragen, die irgendwie immer mehr und immer größer werden, jemanden zu haben, der tatsächlich Antworten hat? Der sicher weiß, was zu tun ist? Der mir dieses unangenehme innere Gefühl des „es könnte etwas Schlimmes passieren“ abnimmt? Der mir zeigt: Hier geht es lang und wenn Du das und das tust – dann wird alles gut? Niemand von uns ist frei von dem Drang, ab und zu jemand anderen führen zu lassen. Aber so lange ich nicht selbst wähle, so lange ich mich vor meinem inneren Schmerz verstecke, in dem ich jemand anderem mehr Macht, mehr Kompetenz oder mehr Weisheit zu schreibe, so lange werde ich ein Leben 2. Klasse haben.

„Hierfür gibt es keine Lösung“ ist auch ein gutes Warnsignal. Sobald Sie dies denken oder hören (von sich oder von anderen), wissen Sie: Hier ist das „Verantwortung ablehnen“ Muster am Werk. Natürlich gibt es eine Lösung. Die gibt es immer. Unter Umständen muss man eine Weile suchen und probieren. Unter Umständen muss man sich von etwas verabschieden, das man nicht loslassen möchte (Kuchen essen und behalten Dilemma). Unter Umständen muss man jemanden fragen oder man braucht Hilfe. Aber egal wie verfahren eine Situation ist – sie lässt sich ändern. Ich bin nie nie nie hilflos. Oder für die Skeptiker: Ich bin fast nie in einer völlig verfahrenen Situation und es ist *immer* besser, davon auszugehen: Es gibt eine Lösung, ich habe sie halt noch nicht gefunden. Weil ich mit dieser Einstellung mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Lösung finden werde. Sobald ich also zu dem Schluss komme „es gibt keine Lösung“ – habe ich aufgegeben. Habe ich mich dem Hilflosigkeits-Muster hingegeben. Der erste Schritt der Lösung ist immer: Aha! Ich bin blockiert. Das ist nur ein Muster. Das ist nicht mein ganzes Selbst. Nimm ein paar bewusste Atemzüge. Mache eine Pause. Realisiere, was hier vor sich geht. Und sobald Du wieder genug Energie hast: Suche weiter nach einer Lösung.

„Du bist Schuld“ ist auch eine beliebte Methode, um sich zu drücken. Der reife Erwachsene weiß: Alles, was geschieht, geschieht immer aus einem komplexen Zusammenspiel von Ereignissen, Handlungen und Entscheidungen *aller* beteiligter Personen. „Du bist Schuld“ ist eine wunderbare Vereinfachung. Das komplexe Geschehen (das sowieso niemand nachvollziehen kann) wird reduziert auf eine verstehbare Komponente: Person X ist Schuld. Was für eine Erleichterung. Ich war es nicht. Puh. Können Sie spüren, wie angenehmen das ist? Nichts falsch gemacht zu haben, keine Schuld zu haben? Sie können sich jedoch sicher sein, dass Sie – wenn Sie jemandem Schuld zuschieben – dabei sind, ein unangenehmes Gefühl wegzuschieben. Wir streiten uns. Natürlich bist Du Schuld. Wo ist mein Autoschlüssel? *Ich* lege ihn *immer* in den Schlüsselkorb. Ich bin zu spät – daran ist der MVV Schuld. Die Misere im Land liegt natürlich an unserer Regierungskoalition. Das Projekt kommt nicht voran, weil Kollege Y nicht mitzieht. Die Wohnung versinkt im Chaos, weil Du Dich nicht an unsere Vereinbarung gehalten hast. Usw. usf. Natürlich begegnet Ihnen täglich zahlreiches Ungemach, an dem andere mitwirken. Aber wenn ich ihnen die Schuld komplett zuschiebe? Was passiert dann? Genau – ich bin hilflos. Das Chaos in der Wohnung wird sich nie ändern. Mein Mann/meine Frau zieht ja nicht mit. Das Projekt wird nie vorankommen. Wir werden uns immer streiten (es fängt ja immer der andere an). Die Misere im Land wird sich nie ändern.

Aus dieser Falle herauszukommen, ist sehr sehr sehr (hängen Sie nach Belieben weitere „sehr“ an) schwer. Denn die Alternative heißt: Alles (alles!) was in meinem Leben passiert, wird von mir mitverursacht. Aua. Das mag sich niemand ansehen und Sie haben mein vollstes Verständnis, wenn Sie jetzt zu lesen aufhören und den Newsletter sofort abbestellen.

Gibt es nicht zahlreiche Beweise dafür, dass da draußen unachtsame und böse Menschen sind, die mir ein Bein stellen? Vielleicht nicht immer absichtlich. Und Verbrecher – sind die nicht wirklich Schuld?

Ja, ja – schon gut: Wenn mein Kind eine Regel bricht – z.B. vor dem Essen in seine Süßigkeiten Schublade greift – dann gibt es eine Konsequenz: Die Schublade bleibt jetzt einen Tag lang zu. Sonst lernt er/sie ja nicht, das Ding vor dem Essen zuzulassen, um sich den Appetit nicht zu verderben. Und wenn mich jemand anschreit, denn bitte ich ihn höflich, das zu lassen oder ich gehe (zumindest meistens – oft schreie ich zurück – auch wenn ein Teil von mir sagt: Ha ha – Spiel verloren ;).

Aber ist mein Kind jetzt „Schuld“? Nö. Er ist in einem Lernprozess. Es ist mein Job dafür zu sorgen, dass er sich einermaßen anständig ernährt. Und es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass mich andere Menschen mit Respekt behandeln. Sonst macht es ja keiner.

Werfen Sie den Begriff von „Schuld“ in den Müll. Nehmen Sie sich stattdessen die Verantwortung. Wir sind *alle* dafür verantwortlich, wie es in unserem Land aussieht. Ob das Projekt vorwärts kommt. Wie ordentlich die Wohnung ist. Wenn ich statt – der zugegebenermaßen sehr erleichternden Maßnahme des – „Du bist Schuld!“ mit der Bewertung aufhöre, sondern zum: Was kann ich jetzt tun, damit die Situation für mich angenehmer wird? Dann kann sich tatsächlich etwas zu meinen Gunsten ändern. Dann kann es aber sein, dass ich ein Gefühl wahrnehme, dass ich mit dem „Du bist Schuld“ überdecken wollte. Wenn der andere Schuld ist, muss ich nichts tun. Ich habe nichts falsch gemacht. Ich bin raus aus der Nummer.

„Raus aus der Nummer“ fühlt sich zwar im ersten Schritt gut an. Aber wird sich etwas ändern? Nein. Ich wahre die Balance. Aber ich bin hilflos. Eine Lösung bekomme ich mit dem Üben des Wahrnehmens: Aha! Ich drücke mich gerade. Stattdessen: Aha – das ist eine unangehme Situation. Wer auch immer daran Schuld ist (ein Teil von Ihnen wird partout die Schuld suchen wollen) – darum kümmere ich mich jetzt mal nicht – ich beruhige mich etwas. Und dann überlegt ich, was ich *für mich* am besten tun kann, um die Situation zu verbessern. Nicht vergessen: Ich kann immer etwas tun. Aber nur: Wenn ich das möchte.

Habe ich zuviel versprochen? Das war jetzt kein so angenehmes Thema, oder? Ich wette mit Ihnen, dieser Artikel ist einer derjenigen, die Sie am schnellsten vergessen. Sollten Sie ihn tatsächlich zu Ende gelesen haben. Und ein Teil von Ihnen wird mir nicht glauben. Trotzdem lade ich Sie herzlich dazu ein, aus dem „xy ist Schuld“ auszusteigen und Bewertungen ab und zu in den Schrank zu räumen (und abzusperren) und stattdessen davon auszugehen: Hey – vielleicht kann ich ja – tatsächlich … ?

Im nächsten Teil kommen wir endlich zur Lösung – wie befreie ich mich aus dem ganzen Schlamassel, der in Teil 1-4 beschrieben ist.

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